MARITIMES
Travemünde 30.09.2016
Boomender Kreuzfahrermarkt
Wie geht es weiter in Travemünde?
Travemünde Aktuell: Frau Hofmann, Sie kennen Reeder, Schiffe, ihre Klientel, kurzum das Kreuzfahrergeschäft und den boomenden Markt. Wohin geht die Reise?
Daniela Hofmann: Der Markt wird insgesamt wachsen. Wir haben derzeit 420 Hochseeschiffe, mehr als 70 Hochseeschiffe werden in den nächsten Jahren neu gebaut, die zusätzlich 218.000 Passagieren Platz bieten. Die Zahl der Passagiere auf dem Wasser wird dann fast 25 Millionen betragen. Zwischen 2004 und 2014 ist der Markt um 20% gewachsen. Der Kreuzfahrtbereich ist in diesem Jahr das einzige wachsende Marktsegment im Tourismus. Es wird auch weiterhin so bleiben. Dabei ist Deutschland im letzten Jahr die Kreuzfahrernation Nr. 1 in Europa geworden.
TA: Wenn wir zu unseren Nachbarn Kiel, Hamburg, Wismar oder Rostock blicken, so liegen diese Häfen mit ihren Anläufen weit über Travemünde. Kann man daraus schließen, dass sich das Kreuzfahrtgeschäft auch für Travemünde lohnt?
DH: Für Lübeck und Travemünde würde es sich schon lohnen, wenn wir wieder vermehrt ein Ein- und Ausschiffungshafen werden würden, wie es z.B. die Häfen Kiel, Warnemünde oder Hamburg sind. Hier wird, was die Wertschöpfung betrifft, zusätzlich das Umland z.B. mit Vor und Nachübernachtungen einbezogen. Z. Zt. sind wir vornehmlich ein Transithafen, d.h. viele Kreuzfahrerpassagiere sind auf Ausflügen und somit bleibt vor Ort nicht so viel hängen.
TA: Im Jahre 2001 hatten wir 34 Anläufe, zwischendurch gab es Jahre mit 11 Anläufen und dieses Jahr hatten wir 14 Anläufe. Lag es daran, dass nach dem Bau der Eric-Warburg-Brücke weniger Schiffe am Burgtorkai festmachten und mit dem Niedergang der Reederei Deilmann die Anläufe zum Ostpreußenkai weniger wurden?
DH: Es gilt zu unterscheiden welche Kreuzfahrtarten es gibt, wenn man die Zahl der Anläufe erhöhen möchte. Schiffe welche die sog. klassische Kreuzfahrtfahrt durchführen, wechseln ständig ihre Routen und damit auch die Häfen. Dagegen machen die Schiffe die im ständigen gleichen Turnus, d.h. immer die gleiche Route fahren, die hohe Anfahrtfrequenz aus. Wenn ein Hafen als Ein- und Ausschiffungshafen genutzt wird, dann kommt man ebenfalls zu einer hohen Anzahl von regelmäßigen Anläufen.
TA: Können wir mit unserem Ostpreußenkai ein Hafen der Turnus-Kreuzfahrer werden?
DH:Wir sind derzeit mit unserem Ostpreußenkai hauptsächlich ein Transithafen. Turnuskreuzfahrten machen in der Regel die großen Schiffe, nur sehr selten die kleineren Schiffe. Doch könnte der OK wieder vermehrt als Ein- und Ausstiegshafen genutzt werden. Deilmann und auch Hapag Lloyd Kreuzfahrten haben dies in der Vergangenheit bewiesen. Die Chancen den Ostpreußenkai als Turnushafen zu nutzen sind gering, da diese Art der Kreuzfahrt zur Zeit vornehmlich mit größeren Schiffen angeboten wird.
TA: Wenn wir Turnushafen werden wollen, dann müssen wir uns um die großen Schiffe kümmern. Letztlich heißt das: wir brauchen ein entsprechendes Kreuzfahrtterminal.
DH: Ein attraktiver Hafen braucht eine gute Anbindung für Bus und Bahn um Ausflüge durchzuführen. Dies wäre aus meiner Sicht langfristig vom Skandinavienkai aus realisierbar. Besonders wichtig sind fußläufige Wege nach Travemünde besonders für die Passagiere und auch für das Schiffspersonal. Eine gute Werbung für Tagesgäste ließe sich mit der lokalen Presse gut bewerkstelligen. Unsere ganz großen Pfunde: wir haben einen kurzen Zugang von der See zum Hafen und können auch bei Sturm sicher angelaufen werden. Ein Ausbau des Terminals am Skandinavienkai wäre notwendig, um ihn zusätzlich als Ein- und Auslaufhafen für ein größeres Passagieraufkommen zu nutzen. Eine Kooperation mit dem Hamburger Flughafen bezüglich der individuellen Anreisemöglichkeiten wäre vorstellbar und geradezu ideal der Lübecker Flughafen für die Ankunft von Chartermaschinen.
TA: Skeptiker meinen, bis wir in der Lage sind, über ein neues Terminal z.B. am Skandinavienkai zu verfügen, würden 6 bis 10 Jahre ins Land gehen und bis dahin wäre der Markt der großen Kreuzfahrer kollabiert.
DH: Das kann ich mir kaum vorstellen und entspricht nicht den Prognosen. Es wird Preiskämpfe geben, zum Vorteil für die Reisenden, doch bleiben Kreuzfahrer wegen der Sicherheit, dem hohen Service und der Sauberkeit ein Wachstumsmarkt. Diese Kombination gibt es nur mit Schiffen. Und wegen einem eventuell zu hohen Angebot an riesigen Schiffen sollte man sich keine Sorgen machen: sie sind auch später universell verwendbar. Schon heute kostet eine Innenkabine weniger als eine Unterkunft in einem hochpreisigen Seniorenheim. Die Annehmlichkeiten auf diesen Schiffen sind unschlagbar.
TA: Was sollte denn unser Konzept für einen zukunftssicheren Kreuzfahrttourismus sein?
DH: Wir haben viele Pfunde mit denen wir attraktiver als Andere sein können. Wir haben Kultur und Geschichte, besonders wichtig z.B. für die amerikanische Klientel, wir könnten kurze Wege von einem neuen Terminal zur Vorderreihe schaffen, wir hätten Platz für zwei Funktionen eines Kreuzfahrthafens nämlich für einen Ein- und Ausstiegshafen und für einen Turnushafen, eine kurze Entfernung zur Ostsee und gute Fluganbindungen. Wir brauchen schnelle Entscheidungen für die Änderung, Erweiterung oder den Bau eines Terminals am Skandinavienkai, ein Konzept, das die Möglichkeiten des Ortes Travemünde nutzt, aber den Charme des Ortes belässt. Vor einer Überforderung wie in Warnemünde warne ich. Ein sensibles Vorgehen ist absolut nötig. Und schließlich: bei der Werbung für unseren Ostpreußenkai und für die Erweiterung des Skandinavienkais brauchen wir ein fachlich kompetentes Team mit persönlichen internationalen Kontakten, das fertige Konzepte und Lösungen für vermehrte Anläufe in Travemünde mitbringt. Über verschiedene Verwaltungsbereiche und kommunale Betriebe verteilte Zuständigkeiten sind hinderlich. Ich empfehle diese zusammenzuführen und mit notwendigen und ausreichenden Kompetenzen auszustatten.
Das Interview führte Karl Erhard Vögele




















